Vom Autor zur Rampensau I -
Der geheimnisvolle Herr Bödecker
von Klaus-Peter Wolf
Ich war ein junger Autor, hatte ein paar Bücher veröffentlicht, die mehr schlecht als recht liefen. Um die ganze Wahrheit zu sagen: Sie lagen wie Steine in den Regalen. Ich war gerade Vater geworden und die Menschen meiner Umwelt drängelten mich, den Traum vom freien Autorenleben aufzugeben und endlich vernünftig zu werden.
Ich
war zwei Monatsmieten im Rückstand, der Hausherr drohte mit Kündigung.
Schon zweimal hatte man mir Strom und Heizung abgedreht. Die Bank forderte
meine Kreditkarte zurück. Ein Freund machte mir das Angebot, ich könne
in seiner Versicherungsagentur arbeiten, bei meinem Talent, Lügengeschichten
zu erfinden, sei ich geeignet für diesen Job. Die einzige Einnahmequelle,
die ich in diesem Monat hatte, kam von einer Lesung. In einer Buchhandlung
konnte ich für einen berühmten Kollegen einspringen, der krank
geworden war. 250 Mark. Ich war so pleite, dass ich kein Geld zum Tanken
hatte und ich kannte auch niemanden mehr, der mir noch etwas geliehen hätte.
Ich tankte trotzdem, ging zur Toilette der Tankstelle, knackte dort den
Präserautomaten und zahlte mit Zweimarkstücken. Die Lesung entschädigte
mich für einiges. 25 Zuhörer, damals ein Riesenpublikum für
mich. Ich sah, dass meine Bücher auf Interesse stießen. Neun
Exemplare wurden verkauft, und, was meinem Autorenstolz sehr gut tat, man
bat mich sogar um Autogramme. Als ich zurückfuhr, wusste ich, so könnte
ein Autorenleben aussehen. So könnte ich unabhängiger von der
veröffentlichten Literaturkritik werden. Meine Zuhörer könnten
sich selbst ein Bild von mir machen und sich dann entscheiden, ob sie ein
Buch von mir lesen wollten oder nicht. Ja, auf Lesereisen wollte ich gehen.
Aber wie? Ich konnte ja nicht ständig darauf hoffen, dass berühmte
Kollegen krank werden.
Ich hatte vom Bödeckerkreis gehört. Für mich war das eine Art Geheimgesellschaft, in der sich große Schriftsteller versammelten, um ihre Lesereisen zu organisieren. Dort Mitglied zu werden oder gar in ihr Verzeichnis aufgenommen zu werden, schien aber fast unmöglich. Man hatte mir erzählt, ein Autor müsse mindestens drei Bücher in renommierten Verlagen veröffentlicht haben und außerdem gäbe es natürlich eine Qualitätskontrolle. Bödecker wolle ja nicht jeden schreibenden Deutschlehrer auf Lesereise schicken. Nun, meine Verlage waren bestimmt nicht renommiert. Manchmal fragte ich mich sogar, ob es richtige Verleger waren.
In meinen Alpträumen versuchte ich, Mitglied im Bödeckerkreis zu werden. Ich betrat eine Halle, in der ein Dutzend von mir bewunderter Autoren saßen und mich mit strengen Gesichtern ansahen. Ich sollte ihnen etwas vorlesen. Schweißgebadet stammelte ich ein paar Sätze aus einem meiner Bücher herunter, und ich ahnte bereits ihr Urteil. In ihren Augen war ich eine Art Insekt. Auf keinen Fall aber mehr als ein lästiger Typ, der sie daran hinderte, endlich zu den wichtigen Dingen zu kommen, die sie zu besprechen hatten.
Ich schrieb einen Brief an einen gewissen Herrn Noack, der nicht nur Autor war, sondern wohl auch Verlagsleiter - und bei Bödeckers eine gewichtige Stimme hatte. Ich traute mich aber nicht, den Brief abzuschicken. Ich wollte dazugehören, wusste aber nicht, wie ich das anstellen sollte. Hätte man mich damals gefragt, was mir lieber wäre: ein Sitz in der Bundesregierung oder als Autor im Bödeckerkreis zu sein, ich hätte über die Antwort keine Sekunde nachgedacht. Nichts wäre mir wichtiger gewesen, als Autor im Bödeckerkreis zu sein. Das Goethe-Institut, die Friedrich-Ebert-Stiftung - für mich kam zuerst dieser geheimnisumwobene Bödeckerkreis, dann ganz lange nichts.
Als ich abends zuhause saß und darüber nachdachte, wie ich dieses freie Leben noch länger durchhalten konnte, klingelte das Telefon. Ein Herr Bödecker meldete sich. Es wurde ein sehr langes Gespräch. Offensichtlich wusste er mehr über meinen Beruf und die damit verbundenen spezifischen Probleme als ich selbst. Ruhig erklärte er mir Sachzusammenhänge, machte mir Mut und lud mich für eine Woche ein. Drei Veranstaltungen am Tag in Schulen sollte ich abhalten. Das Hotel würde für mich bezahlt, die Fahrtkosten auch. Das Honorar, von dem er sprach, mag uns heute nicht üppig erscheinen. Für mich war es damals die Rettung. Das würde bedeuteten, eine Lesewoche pro Monat und ich könnte den Rest des Monats ohne Sorgen schreiben.
Das Problem war nur, ich glaubte dem Mann am Telefon kein Wort. Ich dachte, dass mich jemand vorführen will. Denn der Mann dort behauptete, Herr Bödecker zu sein. Und das war für mich genauso absurd, als hätte mich Goethe vom Goethe-Institut oder Friedrich Ebert von der Friedrich-Ebert-Stiftung angerufen. Ich beendete das Gespräch, nicht er. Ich sagte ihm, verarschen könne ich mich alleine und legte auf. Wenige Tage später hatte ich für meine Tochter Milumil und eine Packung Pampers im Supermarkt geklaut, und wer weiß, wie sperrig diese Dinger sind, ahnt vielleicht, wie schwierig es ist, sie aus einem Supermarkt zu entwenden. Der Postbote kam. Ich ging gar nicht zur Tür. Das Öffnen der Post war zu der Zeit immer recht deprimierend. Zwischen Absagen von Zeitungen, Sendern und Verlagen fanden sich regelmäßig Mahnungen und unbezahlte Rechnungen. Diesmal war noch etwas dabei: Eine Einladung nach Hannover. Eine Woche. Drei Lesungen am Tag. Genau wie der Typ am Telefon versprochen hatte. Dabei lag noch eine Einladung zum Tee. Das Ganze unterschrieben mit "Hans und Katja Bödecker". Nie wieder musste ich klauen gehen, um als Künstler zu überleben.
Das Ganze ist jetzt 25 Jahre her. Wenn man alles zusammenzählt, habe ich inzwischen mehr als 4.000 Veranstaltungen gemacht, gut 2.000 Nächte in Hotelzimmern geschlafen und habe mehr als fünf komplette Jahre meines Lebens, Sonn- und Feiertage eingerechnet, auf Lesereisen verbracht. Das Treffen mit Hans Bödecker wurde zu einer lebensprägenden, ja lebensentscheidenden Begegnung für mich. Es machte aus einem vor sich hinstümpernden, erfolglosen Autor eine Art Handlungsreisenden in Sachen Literatur. Ich kann mir ein Leben ohne das gar nicht mehr vorstellen. Das Reisen und Vorlesen ist Teil meines Wesens geworden. Oh ja, manchmal schimpfe und fluche ich. Dann sitze ich grippig und heiser in irgend einem Hotelzimmer, rufe Freunde an, die ich schon Jahre nicht mehr gesehen habe. Dann kann ich klagen und jammern, weil ich Angst habe, dabei sozial zu entwurzeln - ja zu verwildern. Nicht alle Beziehungen halten so ein Nomadenleben aus. Dabei geht manche Freundschaft und auch so manche Ehe kaputt. Meine Berufskollegen können ein Lied davon singen. Der Autor Jürgen Banscherus sagte einmal zu mir, bezeichnenderweise an einem Bahnsteig, unsere Züge fuhren in unterschiedliche Richtungen weiter: "Was tun wir eigentlich? Wieso fahren wir in Schulen und lesen Kindern Geschichten über Väter vor, die nie zuhause sind, während unsere eigenen Kinder zuhause auf uns warten?" Ja, manchmal habe ich diese Art Leben gehasst. Wenn ich wieder mal einen eigenen Geburtstag allein auf Reisen in einem Hotelzimmer mit Blümchentapete feiern musste, oder wenn sich wieder ein Freund von mir verabschiedete, weil man Freundschaft eben auch leben können muss und das erfordert Anwesenheit.
Aber dann lernte ich mich besser kennen. Ich hatte eine schwere Herzoperation und wurde mitten im Herbst aus dem Lesegeschäft herausgerissen. Endlich war ich zuhause. Ruhig gestellt. Eine Weile genoss ich es sogar. Kolleginnen schickten mir Briefe von den verschiedenen Jugendbuchwochen, für die ich eigentlich gebucht war und bei denen sie mich vermissten. Endlich hatte ich Zeit, nahm an allen Feiern teil, traf Menschen meiner näheren Umgebung, die ich Jahre nicht gesehen hatte, war immer zuhause, wenn das Telefon klingelte. "Du bist dran? Ich dachte schon, es sei der Anrufbeantworter!" Ich schrieb ein neues Buch und leierte ein Filmprojekt an. Aber dann spürte ich etwas, das zunehmend Besitz von mir ergriff: Eine Art Unruhe, gepaart mit Unzufriedenheit. Konnte es etwa sein, dass mir das alles fehlte? Der sumpfige Kaffee im Lehrerzimmer? Die Milch überm Verfallsdatum? Die Hotelzimmer an der Hauptverkehrsstraße? - Nein, das alles war es bestimmt nicht. Aber mir fehlte mein Publikum. Ich spürte mich als Autor nicht mehr. Ich schrieb ein paar Szenen und fragte mich, ob sie gut waren. Noch vor wenigen Wochen hätte ich sie einfach ausprobiert. Das Lachen der Schüler hätte mich bestätigt, das Ausbleiben der gewünschten Schülerreaktion hätte mich dazu gebracht, alles zu streichen und noch mal neu zu formulieren. Ich merkte, wie schnell aus mir ein quengeliger, spießiger, unausstehlicher Miesepeter werden konnte. Ich begann zu akzeptieren, dass ich das alles viel mehr brauchte, als ich es mir vorher eingestanden hatte. Ich lehnte die Vorschläge der Ärzte, in eine Rehaklinik zu gehen, ab. Ich ging stattdessen auf eine Lesereise. Ich wollte mich wieder richtig spüren, mein Publikum sehen. Eben leben, wie es sich für eine Rampensau gehört.
[Vom Autor zur Rampensau Teil 1 - Der geheimnisvolle Herr Bödecker]
[Vom Autor zur Rampensau Teil 2 - Die Lichtgestalten]
[Vom Autor zur Rampensau Teil 3 - Die Totalversager]
Der Text ist der Zeitschrift Eselsohr entnommen. Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors Klaus-Peter Wolf.

