Vom Autor zur Rampensau II -
Die Lichtgestalten
von Klaus-Peter Wolf
Ja, es gibt sie wirklich - die Lichtgestalten der Leseförderung. Die stillen Helden der Kulturvermittlung. Sie machen aus jeder Lesewüste einen Geschichtengarten voller Fantasie. Ohne sie wäre der Kulturbetrieb in Deutschland etwa so dynamisch wie eine Bushaltestelle in der Lüneburger Heide.
Ich
habe sie auf meinen endlosen Reisen kennen gelernt: die vielen kleinen Bödeckers.
Die meisten sind Lehrer oder zumindest ehemalige Pädagogen. Wenn alles
gut läuft, machen sie ihre Arbeit ehrenamtlich. Bei den meisten bin
ich mir aber sicher, dass sie mehr Geld hineinstecken, als ihre Lebenspartner
wissen.
Ein Telefongespräch hier, ein Briefporto dort - so mancher Sparkassendirektor könnte Sponsor der Jugendbuchwoche werden, wenn man ihm vorher ein paar Bücher seiner Lieblingsautoren schickt, natürlich signiert, und eine Einladung zum Abendessen kann auch nicht schaden.
Und dann immer wieder Bücher. Natürlich Bücher. Man will doch wissen, wer was schreibt. Bevor sie einen Autor einladen, wollen sie sein Werk kennen lernen. Und wenn die Autoren dann kommen, sind sie schließlich Gäste in der Stadt, jemand muss sie begrüßen, und gehört es sich nicht auch, einen Gast einzuladen, wenigstens auf ein paar Spaghetti und einen Rotwein beim Italiener? Wo soll der Etat für so etwas herkommen? Das zahlt mancher aus eigener Tasche, ist das Ganze doch mehr als eine ehrenamtliche Tätigkeit. Ein Hobby? Eine Leidenschaft? Vielleicht gar eine Sucht?
Während ich das schreibe, sehe ich sie vor mir: Konrad Pfannschmidt zum Beispiel, der seit inzwischen 22 Jahren in Hildesheim die Jugendbuchwoche organisiert. Jedes Jahr lädt er vier, fünf Autoren ein. 50, in guten Zeiten 70 Veranstaltungen. Jedes Jahr denkt er übers Aufhören nach und macht doch immer weiter. Sogar jetzt, obwohl er gar nicht mehr in Hildesheim wohnt.
Oder Rolf Stindl, der seit 1983 Lesereisen für Autoren nach Bremerhaven organisiert. Welcher Autor kennt ihn nicht? Gäbe es ohne ihn in Bremen und Bremerhaven überhaupt Begegnungen zwischen Schülern und Autoren?
Dann Frau Dr. Elke Haas aus Celle. Was sie als Kraftzentrum mit ein paar engagierten Lehrerinnen an ihrer Seite in dieser Kleinstadt auf die Beine stellt, sollte vorbildlich für sämtliche Städte in unserem Land sein. Dann sähe es anders aus, nicht nur bei PISA, sondern es wäre um die Literatur besser bestellt und um die Lesefreude. Wer das Leuchten in den Augen von Frau Dr. Haas sieht, wenn sie über ihre Sache spricht, ahnt, warum sie das alles tut: Sie liebt die Kinder, die Autoren und die Literatur. Frau Dr. Haas schafft es, zunächst die Mittel aufzutreiben. Dass vieles in unserem Land nicht geht, weil kein Geld da ist, haben wir inzwischen alle gelernt. Wie man Menschen und Sponsoren begeistern kann, das kommt in der Lehrerfortbildung nicht vor.
Wenn ich in Celle bin, kriege ich eine Ahnung davon, wie viele hundert kleine Gespräche notwendig gewesen sein müssen. Selbst ein Schuhgeschäft macht mit und ein Kaffeeröster. Und sie alle sind einbezogen. Kinder- und Jugendliteratur spielt plötzlich in der Stadt eine Rolle. In fast jedem Schaufenster liegt ein Buch, meist ziemlich abgegriffen. Nie noch eingeschweißt. Daneben, auf einem schön gestalteten Papier, erzählt ein Kind, warum dies sein Lieblingsbuch ist. Manchmal sind auch Fotos von den Kindern oder den Autoren in den Schaufenstern ausgestellt.
Morgens werden zehn oder gar zwölf Autoren von Lehrern im Hotel abgeholt und in die einzelnen Schulen gebracht. Dort finden richtige Werkstattgespräche statt. Manchmal hat eine Klasse vorher einen Roman von mir gelesen und sich die Verfilmung angeschaut. Und dann reden wir miteinander.
Dies sind Glücksmomente des Deutschunterrichts. Noch heute schreiben mir Schüler, die so etwas vor 10 oder 15 Jahren erleben durften. Einige von ihnen sind inzwischen selbst Väter oder Lehrer geworden und aktiv dabei in der Leseförderung. Sie wurden damals angesteckt, mit einem Virus infiziert: Kunst und Fantasie sind hochgradig ansteckend und von Mensch zu Mensch übertragbar.
Vielleicht geht ja von Celle, Bremerhaven oder Hildesheim eine Initialzündung aus für den Rest der Republik. Natürlich gibt es auch anderswo solche Orte. Peine sag ich nur. Braunschweig. Oder auch Göttingen. Das alles hat immer mit Einzelpersonen zu tun, die das literarische Leben um sich herum pulsieren lassen. Wo sie sind, da ist Literatur. Da findet Kunst statt. Jetzt fällt mir auf, dass viele dieser Orte in Niedersachsen liegen. Vielleicht liegt es daran, dass dies das Bödecker-Stammland ist. Hier liegt das Epizentrum der Leseförderung.
Seit ich gemeinsam mit Bettina Göschl themengebundene CDs bei JUMBO herausbringe, haben die Lesungen eine neue Qualität erreicht. Zum Beispiel: Eine Grundschule lädt uns ein. Während Bettina in den ersten beiden Klassen ihre Lieder singt und sie mit den Kindern einstudiert, lese ich den Drittund Viertklässlern Geschichten vor von Rittern, Indianern und Gespenstern. So schaffen wir es oft, dass eine gesamte Grundschule an einem Tag "belesen und besungen" wird. Dann gibt es an der Schule einen Elternabend. Alle Eltern wurden hierzu schriftlich eingeladen. Mit ein bisschen Glück sind an der Schule genügend ausländische Kinder, deren Familien nutzen meist die Gelegenheit, um ein tolles Büffet aufzubauen. Eine Buchhandlung bietet auf einem Büchertisch die Bücher und CDs an, aus denen tagsüber vorgelesen wurde. Jetzt kommen viele Eltern erstaunlicherweise nicht nur mit ihren Kindern, sondern sie werden geradezu von ihren Kindern mitgenommen. Denn die Kinder haben tagsüber in der Schule etwas Tolles erlebt und wollen das jetzt noch mal haben und mit Mama und Papa teilen.
So mancher Buchhändler sagte später, er hätte den größten Teil des Tages-Umsatzes seiner Geschichte gemacht. Oft bleibt bei solchen Veranstaltungen nicht mal mehr ein Schutzumschlag übrig, denn die Eltern decken sich ein für Weihnachtsgeschenke und Geburtstage und lassen sich natürlich Bücher und CDs signieren.
Viele
Eltern kriegen wieder Lust, ihren Kindern etwas vorzulesen oder auch mit
ihnen gemeinsam zu lesen und Lieder zu singen. In Köln sagte ein Schulleiter
zu mir: "Glauben Sie, dass ich heute bei diesem Elternabend Eltern
kennen gelernt habe, die ich noch nie im Leben gesehen habe? Die kommen
nicht zu einem normalen Elternabend, bei dem der spannendste Punkt "Sonstiges"
heißt. Aber so was hier, das ist ja ein gesellschaftliches Ereignis."
Solche Veranstaltungen, morgens an der Schule, abends der Elternabend, sind ein absoluter Glücksfall, denn hier ist alles miteinander verzahnt. Dies ist perfekt organisierte Leseförderung. Alle haben etwas davon. Die Schule, die Schüler, die Eltern, die Autoren und sogar der Buchhändler und die Verlage. Es ist nicht immer und überall so gut verzahnt. Vielerorts gibt es wundervolle Lesungen mit engagierten Lehrern, aber wenn die Kinder danach mit der Autogrammkarte in die Buchhandlungen jubilieren, müssen sie feststellen, dass es die Bücher ihres Autoren dort gar nicht gibt. Viele Kinder betreten in dem Moment zum ersten Mal im Leben eine Buchhandlung – und sie werden gleich frustriert. Der Buchhändler hatte keine Ahnung, dass der Autor in der Stadt ist.
Ich stelle meinen Verlagen Listen mit meinen Lesereisedaten zur Verfügung, damit der Vertrieb die Buchhandlungen vor Ort darüber informieren kann, wann ich wo bin, ja sogar, woraus ich vorlese. Hierbei kann ich eins ganz deutlich beobachten: Je kleiner der Verlag ist, um so wichtiger wird das genommen und um so sorgfältiger werden die Buchhandlungen betreut. Je größer der Verlag ist, desto uninteressanter scheinen Lesereisen durch Schulen und Bibliotheken für ihn zu sein. Dort interessiert nur die kundenorientierte Lesereise, sprich, die Vertriebsorganisation wird nur hellhörig, wenn ein Autor etwas in einer Buchhandlung direkt macht.
In den einzelnen Orten gilt: je größer die Buchhandlung ist, um so schwieriger wird sie zu motivieren sein, ein Schaufenster zu machen oder sich auch nur ein paar Bücher des Autors auf Vorrat hinzulegen. Da hört man Sprüche wie: "Die 100 Euro mehr oder weniger an Umsatz machen den Kohl auch nicht fett."
Die kleinen, engagierten Buchhandlungen dagegen, springen sehr gern auf den Leseförderungszug, wenn er nur mit Volldampf fährt. Dafür haben sie für einen Büchertisch abends in einer Schule aber oft nicht genug Personal. Wer schleppt dann die Buchkisten in die Schule und steht spät abends hinterm Büchertisch? - Genau. Unsere stillen Helden der Leseförderung.
Sie tun das nicht wie Märtyrer, an denen immer die Kleinarbeit hängen bleibt. Im Gegenteil. Es macht Freude, ihr heimliches Grinsen zu sehen, wenn die Bücherstapel auf dem Tisch immer kleiner werden. Wenn sich zwei Jungs, die gestern noch Lesen "völlig langweilig und bescheuert" fanden, um das letzte Piratenbuch zanken. Ihr Plan geht auf. Es ist ihnen gelungen. Der Lesevirus breitet sich in ihrer Umgebung aus.
Klaus-Peter Wolf
[Vom Autor zur Rampensau Teil 1 - Der geheimnisvolle Herr Bödecker]
[Vom Autor zur Rampensau Teil 2 - Die Lichtgestalten]
[Vom Autor zur Rampensau Teil 3 - Die Totalversager]
Der Text ist der Zeitschrift Eselsohr entnommen. Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors Klaus-Peter Wolf.