Vom Autor zur Rampensau III-
Die Totalversager
von Klaus-Peter Wolf
Aber wo so viel Licht ist, kommen natürlich auch die Schatten besonders gut zur Geltung. Es gibt nicht nur diese wundervollen Lehrer, die um sich herum die Verhältnisse zum Tanzen und die Schüler und Kollegen zum Lesen bringen.

Dieser Bericht wäre verlogen, würde ich nicht auch von den anderen erzählen: den Totalversagern. Den Pennern, die mit ihrer Dummheit, Ignoranz und Faulheit alles, was leicht ist, schwer machen und alles was locker ist, verkrampft, und in ihrer Selbstbezogenheit nicht mal merken, welch große Chance sie gerade verspielen.
Sie schaffen es, 180 Kinder in eine Turnhalle zu pferchen. Natürlich gibt es keine Stühle für die Kinder, auf dem Boden sitzt es sich ja viel bequemer, und auf die sanfte Frage des Autors, ob er vielleicht ein Mikrophon haben könne, antwortet der erfahrene Pädagoge: "Wieso? Können sie das denn nicht ohne? Also, da müsste ich jetzt erst den Hausmeister suchen, aber ich weiß nicht, ob der ...". Sehr beliebt sind auch Eingangs- oder Durchgangshallen. Die Schüler dürfen dann auf den Treppen sitzen. Ich fragte einen Lehrer, ob er denn in so einer Situation unterrichten würde. Er schüttelte den Kopf. "Nein, natürlich nicht. Ordnungsgemäßer Unterricht ist so nicht durchzuführen." Für eine Autorenlesung, so glaubte er, reiche es aber allemal. Dass der Autor dabei noch viermal mehr Jugendliche vor sich sitzen hat als der Lehrer während des Unterrichts, ist für ihn eher unerheblich.
Autorenkollegen sind oft nette Menschen. Einfühlsam und verständnisvoll. Nicht alle haben das Durchsetzungsvermögen, in den wenigen Minuten vor Beginn der Veranstaltung für sich ein Setting zu organisieren, das eine erfolgreiche Lesung überhaupt erst möglich macht. Sprich: jeder Schüler hat einen eigenen Stuhl. Jeder Schüler sitzt so, dass er den Autor sehen kann. Die Schüler sind aus einer Altersstufe. Die akustischen Verhältnisse sind so, dass man den Autor, wenn er vorliest, hören kann. Er muss nicht schreien. Der Autor entscheidet, wann die Lesung beendet ist.
Das klingt jetzt alles sehr selbstverständlich. Ist es aber nicht. Ich erinnere mich an eine schöne Veranstaltung mit Drittklässlern. Drei dritte Klassen in einem Raum. Ich habe zwei Schulstunden zur Verfügung und einige mich mit den Schülern darauf, die Fünfminutenpause durchzumachen, damit die Lesung nicht unterbrochen wird. Ich lese "Jens-Peter und der Unsichtbare." Die Lehrer amüsieren sich genauso gut wie die Schüler. Nach der ersten Kurzgeschichte beginnen die Schüler, Fragen zu stellen. Ich lese dann die zweite Geschichte vor, da geht plötzlich die Tür auf und ein Herr um die fünfzig nickt mir freundlich zu. Er hebt die Hand und sagt: "Lassen Sie sich nicht stören." Dann ruft er in den Raum: "Die 3b jetzt bitte zu mir!"
Ich unterbreche natürlich die Lesung und frage ihn, ob das sein Ernst sei. Er sei gerade in eine Autorenlesung hineingeplatzt. Er könne sich gerne setzen und teilnehmen, aber die 3b könne er jetzt natürlich nicht mitnehmen. Kein Künstler würde sich freuen, wenn man ihm das Publikum wegnimmt. Er lachte, das mache doch alles gar nichts, dafür käme ja schließlich jetzt die 3d zu mir. Ich will das nicht und wehre mich. Er ist uneinsichtig und klagt mich sogar an, das sei ja wohl ungerecht, dann käme die 3d ja nicht in den Genuss, der Raum sei schließlich zu klein für alle vier Klassen. Drei Grundschullehrer sitzen hinten und erleben alles mit. Ich kann es ihnen ansehen: Es ist ihnen peinlich. Sie kennen den Kollegen. Er ist der berühmte Elefant im Porzellanladen. So eine Sprechblasenfigur, über die man im Comic gut lachen kann.
Tilman Röhrig setzt bei seinen Lesungen gern die Lehrer auseinander, "weil die sonst so viel schwätzen". Besonders beliebt bei Autoren sind auch Lehrer, die hinten sitzen und während der Lesung Hefte korrigieren. Ich spreche sie gern nach den Lesungen an und frage sie, ob sie wissen, was sie getan haben. "Na klar," sagen sie. "Hefte korrigiert." Aber das stimmt leider nicht. In der Tiefe haben sie den Schülern demonstriert, wie wertlos das ist, was da vorne passiert. Sie haben offenes Desinteresse an den Tag gelegt. Manch Lehrerverhalten grenzt an Sabotage.
Wie kommt das? Sind sie dumm? Schlecht ausgebildet? Oder schlägt bei manchem eine Art pädagogische Eifersucht durch, wenn er sieht, dass seine Schüler einem anderen an den Lippen hängen und selbst die, die sonst immer so unruhig sind, plötzlich brave, aufmerksame Schüler werden? Ich glaube, ihr Verhalten zeigt uns einfach nur, welche Bedeutung Literatur und Kunst sonst im Leben für sie haben. Nämlich überhaupt keine. Ich wette, dass keiner dieser beispielhaft negativen Lehrer auch nur einen Satz von dem Autor gelesen hat, der in seiner Klasse zu Gast ist. Natürlich werden sie nie gegen Leseförderung auftreten. Sie glauben, dass es politisch korrekt sei, für Bücher und gegen Filme zu sein. Ihr letztes Buch haben sie während des Studiums gelesen und auch das nur, weil sie eine Facharbeit darüber schreiben mussten.
Solche Lehrer sind oft bei den Lesungen völlig erstaunt, denn wenn die Schüler Fragen stellen, erfahren sie auch einiges über den Autor – sofern sie nicht hinten Hefte korrigieren. Ich habe regelmäßig dann ihre volle Aufmerksamkeit, wenn sie hören, dass ich nicht "nur" Kinderbücher geschrieben habe, sondern auch viele "Tatorte", denn "Tatort" gucken sie auch – sonntagabends, zusammen mit ihrem Lebenspartner, und dabei ein Gläschen Rotwein. Oft höre ich dann Sätze wie: "Ja, wenn ich vorher gewusst hätte, welch ein berühmter Mann an unsere Schule kommt, dann hätte ich natürlich ...". Lehrer, die sich lauthals beim Autor darüber beschweren, dass ihre Schüler eigentlich nicht mehr lesen, haben oft selbst ein sehr gebrochenes Verhältnis zum Buch. Was in solchen Fragen gipfelt, wie: "Ich hätte ja gerne meinen Schülern vorher ein Buch von Ihnen gezeigt. Aber wie soll ich denn da drankommen? "Ich antworte dann gerne: "Bücher kauft man in der Metzgerei. Das weiß doch jeder. Da müssen Sie nur einen Ihrer Kollegen fragen."
Neulich wendete sich ein Schüler verständnislos an seinen Deutschlehrer und fragte: "Warum haben Sie uns denn nicht gesagt, dass der Herr Wolf kommt? Ich hätte dann meine Bücher zum Signieren mitgebracht. Ich habe so einen Stapel von ihm." Peinliche Situation. Ja, warum hat der Lehrer den Schülern nicht gesagt, wie der Autor heißt, der sie besuchen kommt? Nun, er ist einfach nicht darauf gekommen. Er war überlastet. Überhaupt sagen ihm die Namen der neuen Autoren wenig. Von Cornelia Funke hat er noch nichts gehört. Seine Kenntnis über Literatur endet bei dem jungen Martin Walser. Von dem hat er auch nichts gelesen, aber da hat es neulich mal einen Skandal gegeben. Hat der nicht auf einen Kritiker geschossen?
Schon sehr früh bekam ich als junger Autor von einem erfahrenen Kollegen den Rat: "Wenn du zu einer Schule musst, verlass dich nie auf die Anreisebeschreibung." Da ist etwas dran. Nur die wenigsten Lehrer wissen, mit welchen öffentlichen Verkehrsmitteln man ihre Schule erreichen kann. Ab Oberstudienrat spätestens ist so etwas vorbei. Dann muss man schon froh sein, wenn sie die Straße kennen, an der ihre Schule liegt. Manchmal, wenn man vergessen hatte, mich abzuholen, stand ich in irgendwelchen verregneten Städten herum und wusste: Die Zeit läuft. Gleich fängt die Schule an. Du solltest längst da sein. Ach, was habe ich da schon Lehrer am Telefon stammeln hören, wenn sie mir den Weg erklären sollten. Eins habe ich gelernt: Frag nie einen Erdkundelehrer. Dann muss ein Autor nämlich Gesteinsproben nehmen, um den Weg zu finden. Erdkundelehrer kennen sich überall aus, bloß nicht in der Stadt, in der sie leben.
Zum Abschluss möchte ich eine persönliche Geschichte erzählen. Sie ist gerade erst passiert. Ich war in einer Hauptschule. Nein, nicht in der Eingangshalle. Man gab mir den Musikraum. Alles lief klasse. Nach der ersten Lesung sagte mir die Direktorin: "Lassen Sie Ihre Sachen ruhig hier im Raum, ich schließe ab. Die nächste Lesung ist dann wieder hier." Ich weiß. Es war blöd von mir. Ich hätte alles mitnehmen müssen. Man darf sich auf so etwas nicht verlassen. Aber ich war gut gelaunt, die Sonne schien und ich hatte das Gefühl, es könnte ein Glückstag für mich werden. Ich ließ meine Tasche mit Büchern und Autogrammkarten im Raum, ebenso eine Flasche Mineralwasser, ein Glas, eine Tüte Hustenbonbons und meine Uhr. Ich lege meine Uhr immer auf den Tisch, um mit einem kurzen Blick die Zeit kontrollieren zu können. Vor der zweiten Lesung trank ich mit den Lehrern eine Tasse Kaffee. Nicht sumpfig, keine Milch überm Verfallsdatum – welch ein Tag! Aber dann war ich plötzlich ganz allein im Lehrerzimmer. Wie ein Bienenschwarm huschten sie auseinander.
Als ich den Musiksaal wieder gefunden hatte, herrschte dort schon gute Stimmung. Ungefähr 80 Acht- und Neuntklässler versuchten, sich gegenseitig niederzubrüllen. Ein Mädchen hatte Nasenbluten und ein Aussiedlerjunge fragte, ob er an der Veranstaltung teilnehmen müsse, denn ich hätte ja auch Bücher über Schwarze Magie geschrieben. Er meinte die Fantasyreihe "Das magische Abenteuer" im Franz Schneider-Verlag. Ich sah sofort, dass meine Uhr weg war. Außerdem fehlten ein paar Hustenbonbons. Jemand hatte mir ins Wasserglas gespuckt, aber sonst war alles in Ordnung. Nach einigen Minuten hatte ich es geschafft. Die Schüler saßen, die Lehrerinnen beruhigten sich. Das Nasenbluten kam zum Stillstand. Der Aussiedlerjunge blieb, setzte sich aber mit seinen Freunden in die letzte Reihe und wollte "auf keinen Fall bezahlen". Vor mir flegelten sich achtzig Jugendliche, die keine Lust hatten. Sie fanden Schule doof und wer da auftrat, musste auch doof sein.
Ich erzählte ihnen nicht von meinen Siegen, sondern von meinen Niederlagen. Von Romanen, die keiner drucken wollte, von Verfilmungen, die schief gingen, und etwas davon erreichte sie. Die ersten setzten sich anders hin. Die Gesichter entspannten sich. Ein angeblich hyperaktiver Junge in der ersten Reihe war besonders aufmerksam. Schließlich kam es zu einem der großen Momente, wenn Künstler und Publikum sich begegnen: etwas, das immer wieder geschieht und vielleicht die eigentliche Triebfeder ist, warum Menschen wie ich so etwas tun. Plötzlich versteht man sich, entdeckt Gemeinsamkeiten, hat sich etwas zu sagen, lacht über die gleichen Dinge, hört sich gegenseitig zu. Es entsteht fast so etwas wie Komplizenschaft zwischen Publikum und Autor.
Ich sah in die Gesichter und dachte bei mir: Wer von ihnen mag deine Uhr geklaut haben, Klaus-Peter? Es tut ihm jetzt bestimmt leid. Jetzt, da du nicht mehr "irgend so’n Typ bist, der kommt, um uns was vorzulesen", sondern ein Künstler, den man mag, ja mit dem man sich vielleicht sogar identifiziert. Komischerweise ging ich davon aus, dass ein Junge die Uhr geklaut hatte. Keine Ahnung, warum. Am Ende holten sie sich noch Autogramme, wollten meine Adresse wissen, um mir zu schreiben und irgendwie war alles gut – bis auf die Uhr. Ein Erbstück meines Vaters, die ich doch so gern wieder gehabt hätte.
Ich versuchte, den Schülern eine goldene Brücke zu bauen. Sagte, dass die Uhr mir sehr wertvoll ist, ich hätte die wahrscheinlich an der Schule verloren und wer sie findet, solle sie doch der Lehrerin geben. Die Lehrerin zerstörte diese Brücke gleich auf pädagogisch sehr wertvolle Weise, indem sie rief: "Was? Hat einer Ihre Uhr geklaut?" Ich gab meine Uhr schon verloren, denn wer jetzt mit der Uhr zu ihr kam, galt als Dieb. Im Lehrerzimmer diskutierten wir noch eine Weile, warum die Schüler erst so abweisend waren und mir später so zugetan. Ich deutete an, das könne auch etwas mit der Vorbereitung zu tun haben.
Dann ging ich zu meinem Auto. Am Scheibenwischer baumelte die Uhr. Irgendwie verbuchte ich das innerlich als Sieg. Als Zeichen, dass eine Autorenbegegnung – wie Hans Bödecker es immer so schön nennt - etwas bewegen und verändern kann. Was du tust, macht einen Sinn, dachte ich und fuhr weiter in die nächste Stadt.
Klaus-Peter Wolf
[Vom Autor zur Rampensau Teil 1 - Der geheimnisvolle Herr Bödecker]
[Vom Autor zur Rampensau Teil 2 - Die Lichtgestalten]
[Vom Autor zur Rampensau Teil 3 - Die Totalversager]
Der Text ist der Zeitschrift Eselsohr entnommen. Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors Klaus-Peter Wolf.