Buchbesprechung "Lebendige Literatur"

Lebendige Literaturvon Anette Jondral

Längst überfällig ist dieses durch das Bundesfamilienministerium gefördete Kompendium bestehend aus theoretischen Grundlagen zum Lesenlernen, empirischen Untersuchungen zur Auswirkung von Autorenlesungen auf Lesemotivation und Leseverhalten und Tipps zur Umsetzung in der Praxis nebst bewährten Beispielen. Vorgestellt werden keine spektakulären Einzelprojekte, sondern angemessene, nachvollziehbare und in der Praxis umsetzbare Projekte.

Wenn der rheinland-pfälzische Kinder- und Jugendbuchautor Stefan Gemmel als einer der vier repräsentativ ausgewählten Autoren über seine "Lese"-Erfahrungen in Schulen berichtet, diese seien "wie ein Lagerfeuer, das mit seinem Licht die Kälte der Nacht verschwinden lassen kann" (S. 106), stimmt dies überein mit den empirischen Aussagen zum Lernen und Lesenlernen durch aktives Teilhaben am Leben. Gerade diese Kombination von "persönlichen" Begegnungen und Faktenwissen machen den Wert des Fachbuches aus.

Gegliedert in acht übersichtliche Kapitel mit z.B. theoretischen Grundlagen und empirischen Untersuchungen überzeugen den Lehrer / die Lehrerin in allen Schularten insbesondere der vorgestellte Leitfaden zur Organisation und Durchführung von Autorenlesungen. Erweitert durch bewährte und empfehlenswerte Projekte aus der Praxis der Friedrich-Bödecker-Kreise stellt sich dieser mit seinen Aufgaben, Zielen und Adressen vor. Die vier Bekenntnisse zu Autorenbegegnungen aus der Sicht der Autoren Achim Bröger, Stefan Gemmel, Bettina Göschl und Klaus-Peter Wolf lassen jeden mit der Leseförderung "Beschäftigten" schmunzeln, da er einige der Erfahrungen selbst bereits gemacht hat, jener Witz mit Erkennungswert! Im Anhang befinden sich Materialien zur Organisation und Evaluation - sicher auch genügend Hinweise, um selbst an der eigenen Schule im Rahmen der Evaluation des Schulprogramms mit dem Schwerpunkt auf die "Lese(r)förderung" fündig und tätig zu werden.

Und wie wirken sich nun Autorenbegnungen auf Lesemotivation und Leseverhalten aus? Befragt wurden von Professor Dr. Conrady in einer Forschungsarbeit der Technischen Universität Dortmund 485 Schülerinnen und Schüler der 3. bis 8. Klasse in drei Testphasen: unmittelbar vor, im Anschluss an die Autorenbegegnung und fünf bis acht Monate später. 79% gefiel die Autorenlesung "total gut" (S. 40), wobei die Einschätzung nach Jungen und Mädchen unterschieden gering ist. Befragt nach ihren Freizeitakivitäten rangiert Lesen im 1. Fragebogen auf dem 5. Rangplatz, unter dem unmittelbaren Einfluss der Autorenlesung wird Lesen häufiger gewählt und weist den stärksten Zuwachs auf, bleibt aber dennoch auf seinem Rangplatz (S. 41f), "dieser positive Aspekt verwischt leider nach einem halben Jahr. Im 3. Fragebogen wird Lesen als Freizeitbeschäftigung wieder ebenso häufig genannt wie im 1. Fragebogen und nimmt weiterhin den Rang 5 ein". Dabei wünschen sich die Kinder und Jugendlichen häufiger Lesungen (zweimal pro Schulhalbjahr) und ihre Aussage ist, dass eine Autorenbegegnung in der Sekundarstufe I zu mehr Spaß am Lesen führt (S. 49).

Das Schlussergebnis, so einfach es klingt: "Autorenbegegnungen holen mehr Literatur anders in die Schule!" (S. 57) ist eine Ermutigung zur Teilhabe und Teilnahme am stetigen, oft mühsamen Lese(r)prozess in der Schule. Hier helfen der entschiedenen Lehrperson die praxisorientierte Anleitung zur Information, Vor- und Nachbereitung der Autorenbegegnung auf sofortige Weise und mühsames Zusammensuchen bleibt erspart.

Seinem Titel wird das Fachbuch gerecht! Und die Aussage "Bei der Autorenbegegnung erleben Kinder und Jugendliche 'lebendige Literatur' durch personale und partnerschaftliche Begegnung“ (S. 27) trifft neuere Ergebnisse der Lernfoschung, dass etwas dann besser gelernt wird, wenn es mit vielen Sinnen und kognitiv und emotional aufgenommen und verarbeitet wird. Im Vorwort der Herausgeber weist Malte Blümke, Bundesvorsitzender der Friedrich-Bödecker-Kreise e.V., auf jährlich 6000 Lesungen der Friedrich-Bödecker-Kreise für 240.000 Kinder und Jugendliche von Flensburg bis München und von Cottbus bis Trier hin. Folgt man den Ergebnissen der empirischen Studie dieses Ratgebers, dann müssen weitaus mehr Kinder und Jugendliche die Chance auf Autorenbegegnungen erhalten.

Anette Jondral, Studiendirektorin mit den Fächern Deutsch und Erdkunde am Peter-Wust-Gymnasium Wittlich, Leiterin der Orientierungsstufe

Bundesverband der Friedrich-Bödecker-Kreise / Peter Conrady (Hrsg.): Lebendige Literatur. Handreichungen für Autorenbegegnungen mit Kindern und Jugendlichen. Braunschweig: Westermann 2008, 142 S., € 15.- ISBN 978-3-14-162113-6